Achmet Steinmetz

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Wie kam ein Bauernsohn aus Groden im Amte Ritzebüttel zu dem Namen "Achmet"?
Seine Eltern waren Johann Steinmetz und Anna, geb. Jarck. diese hatten im Jahre 1867 geheiratet und am 21.01.1878 wurde das achte Kind geboren. Als das Kind gewickelt und die Mutter etwas erholt war, setzte sich der Vater an Annas Bett und freute sich, dass alles wieder so gut abgelaufen war. 
Mutter Anna fragte ihn: "Johann, wo schall he denn nu heten?" "Ooh", sagt Johann, "denn kiekt wi mol in den Kalenner!"
Er holte ihn und suchte den 21. Januar. Da stand "Agnes". "Ne! Dat is jo een Deernsnomen!" antwortete Mutter Anna. Aber Johann zieht die Stirne kraus, überlegt und sagt dann: "Denn seggt wi doch eenfach 'Achmet'!"
Und so taten sie es, denn im Plattdeutschen wird der Name "Agnes" wie  "Achnes" ausgesprochen. so musste der Junge mit seinem Namen Achmet  leben und er tat es mit Humor. Als Soldat im Weltkrieg 1914 bis 1918 allerdings nannte er sich August, um keinen Grund zu Fragen zu geben.
Achmet besuchte die Volksschule in Groden unter der bewährten Leitung des  Rektors und Kantors Wilhelm Quietmeyer. Dieser hat die Grodener Schule während seiner 40 Dienstjahre sehr gefördert.
Nach Konfirmation und Schulabgang war Achmet ein Jahr bei seinem Bruder Wilhelm (Willi), der in Lüdingworth einen Hof gepachtet hatte und seine  Hilfe gut gebrauchen konnte.
Aber dann fing Achmet eine Maurerlehre an. Das war vor 100 Jahren harte  Arbeit. Es wurde an sechs Tagen in der Woche täglich 10 Stunden gearbeitet. alle Wege zu den Baustellen mussten zu Fuß gemacht werden. 
Nach drei Jahren Lehrzeit machte er seine Gesellenprüfung und besuchte in  den folgenden Winterhalbjahren die Baugewerkschule in Buxtehude. Im Sommer arbeitete er als Maurer und verdiente sich so das Geld für den  Besuch der Schule. Er brachte seine Ausbildung erfolgreich zu Ende. Am 01.05.1900 ging Achmet Steinmetz für acht Monate auf Wanderschaft, wie  es damals bei Handwerksgesellen üblich war.
Am 01.01.1901 kam er wieder nach Ritzebüttel und arbeitete als junger  Architekt bei dem schon älteren Architekten Glocke, der in der Annenstraße wohnte und eine bewährte, große Bauerfahrung hatte. Aber Achmets Ziel war es, als selbständiger Architekt zu arbeiten.
Im Jahre 1904 heiratete Achmet die Tochter Elsa des Viehhändlers Jakob Dettmering und seiner Frau Emma, geb. Strohsahl. Mit Elsa zog Achmet in  eine Wohnung von Schmied Winter in der Hermannstraße 1. 
Achmet machte sich selbständig und hat in seinen Schaffensjahren in Cuxhaven und den umliegenden Dörfern viele Häuser, Geschäfte, die Grodener  Schule, das Versorgungsheim (später Nicolaiheim, 1991 abgerissen),  einige Fischhallen, viele Privathäuser, die Sparkasse (inzwischen durch einen Neubau ersetzt) und verschiedene Wohnblocks gebaut.
Eines seiner Häuser, heute ein Schmuckstück von Cuxhaven, ist die Villa Gehben in Altenbruch. In den Jahren 1907/08 hat Achmet Steinmetz dieses Haus im Jugendstil erbaut.
Der Altenbrucher Ernst Gehben wanderte in die Vereinigten Staaten aus, holte sich nach Jahren eine Frau aus Altenbruch, die Tochter des  Kornhändlers Wahlen. Gehben nahm sie mit nach Amerika und drei Kinder wurden ihnen geboren. Frau Gehben zog es aber wieder nach Altenbruch und so beauftragte Ernst Gehben durch seinen Schwiegervater den Architekten Achmet Steinmetz, ihm ein Haus zu bauen. Eine Zeichnung hatte er  mitgeschickt, wie es etwa werden sollte. Er gab auch Längenmaße an, aber nur in Zahlen. Für Achmet war es klar, dass Meter gemeint waren, wie es in Deutschland landesüblich war. Aber Gehben hatte Yards gemeint. So wurde das Haus erheblich größer als Ernst Gehben geplant hatte. Er soll, als er zum Einzug in das Haus in Altenbruch ankam, ausgerufen haben:  "Hotsverdori, wat een Kasten!"
Aber schön war es geworden. Achmet Steinmetz hatte es mit Liebe gebaut und jedes Detail sorgfältig ausgesucht und ausgearbeitet. Die wunderschönen Glasfenster in der Diele hatte er bei Tiffany in New York bestellt, und  auch noch heute kann man sich an ihnen erfreuen.
Nach wechselhafter Geschichte kaufte die Stadt Cuxhaven nach der Eingemeindung Altenbruchs das Haus und ließ es restaurieren. Die Gemeinde Altenbruch (Ortsrat) nutzt für sich eines der unteren Zimmer. Zwei große Zimmer im Erdgeschoss nutzt die Stadt Cuxhaven für Sitzungen und Empfänge. Im  ersten Stock hat sich die Stadtbibliothek eingerichtet.
Im Jahre 1908 baute Achmet Steinmetz das Eckhaus Nordersteinstraße/  Holstenstraße für die Familie von Brook, die dort ein Eisenwaren- und Haushaltsgerätegeschäft einrichtete. In eine der oberen Wohnungen zogen  Achmet und Elsa Steinmetz mit ihren Kindern. Aber vier Jahre später,  1912, baute Achmet sich ein Einfamilienhaus an der Papenstraße 145, (inzwischen abgerissen) gegenüber dem auch von ihm entworfenen und erbauten Nicolaiheim.
Im Jahre 1911 wurden Achmet Steinmetz Entwurf, Zeichnung und Bauleitung  der Grodener Schule anvertraut. Dieser Bau machte ihm besondere Freude,  war er doch selbst in Groden zur Schule gegangen. Nun baute er für die  Grodener Kinder eine schöne Schule mit großen, hellen Räumen, dabei eine Wohnung für den Schulleiter. Die Einweihung dieser Schule war ein großes Fest. Der Gemeinderat mit dem Gemeindevorsteher Richard Tamm, der Herr Amtsverwalter von Ritzebüttel, eine Abordnung der Schulbehörde von Hamburg und andere geladene Gäste kamen. Natürlich auch der Architekt  und die Meister der ausführenden Handwerksbetriebe. Das Fest endete mit einem Essen im Grodener Hof, wo noch manche Rede gehalten wurde.
Als am 02.08.1914 der Krieg ausbrach, wurde Achmet Steinmetz eingezogen und war in der Zeit des Krieges an der Westfront. Seine Ehe zerbrach in diesen Jahren. Während eines Urlaubs im Jahre 1917 wurde sie geschieden. Die Kinder kamen zu Verwandten. Nur die Tochter Hildegard ging mit der Mutter nach Hamburg.
Als Achmet nach dem verlorenen Krieg wieder nach Cuxhaven kam, musste er ganz von vorn anfangen. Das Haus an der Papenstraße hatte er verkauft und kaufte nun das Haus Reineckestraße Nr. 13. In den unteren Räumen richtete er sein Büro ein. Die zwei oberen Etagen sollten für seine  Familie sein.
Am 06.03.1919 heiratete er Martha Foth aus Billwerder, die dort am 09.04.1891 geboren war. Ihr gelang es, mit Achmet und den Kindern ein richtiges Familienleben aufzubauen. Hildegard war wieder zum Vater gekommen, aber Walter blieb bei seinen Großeltern Dettmering.
         Nach dem Kriege setzte die Bautäigkeit wieder ein, vor allem in den  dreißiger Jahren wurde in Cuxhaven viel gebaut. Achmet Steinmetz hatte einen großen Anteil daran. Seine Lieblingsbauweise waren Klinkerbauten.  Er selbst besaß drei Häuser.
Für die Hamburger Feuerkasse war Achmet Steinmetz Gutachter und Schätzer für das Gebiet des Amtes Ritzebüttel. Solange das Amt Ritzebüttel zu  Hamburg gehörte, waren alle Hausbesitzer bei der Hamburger Feuerkasse gegen Feuer und Sturmschaden versichert.
Achmet Steinmetz fuhr kein Auto. Stets sah man ihn auf seinem Fahrrad durch  Stadt und Land fahren. Dieses Fahrrad war sein Markenzeichen und in der  Stadt bekannt. Achmet war fast zwei Meter groß. Sein Rad hatte zwei Oberrohre statt einem, der Sattel war entsprechend hoch.
Im Sommer 1939 baute Achmet für sich und seine Frau Martha das Haus  Wißmannstraße 8, das für sie der Alterssitz werden sollte. Im Oktober 1939 zogen sie ein und fühlten sich dort sehr wohl. Aber als dann der  Krieg verloren war und die Engländer als Sieger in Cuxhaven einzogen,  wurde ihr Haus beschlagnahmt. Sie mussten es sofort räumen. Achmet und  Martha fanden zwei Zimmer bei einer Lehrerin, Frau Scheibel. Achmet hat es nicht mehr erlebt, in sein geliebtes Haus zurückzukommen.
Gleich nach dem ersten Weltkrieg war Achmet Steinmetz dem Guttemplerorden  beigetreten und setzte sich für dessen Ziel, ohne Alkohol zu leben, voll ein. Seine Frau Martha trat mit ihm ein und unterstützte ihn in seinen  Plänen. Nach einigen Jahren wurde Achmet Steinmetz Vorsitzender der  Guttempler. Es lag den beiden viel daran, die Jugend zu begeistern. Sie  veranstalteten Tagungen, Wanderungen und viele andere schöne Dinge, um  zu zeigen, dass man auch ohne Alkohol fröhlich sein kann. In der  Friedrich-Karl-Straße stand das Vereinshaus, im Volksmund der  Wasserpalast genannt. Hier wurden nur alkoholfreie Getränke verkauft. In dieses Haus hatte Achmet einiges investiert und in seinem großen Saal  wurden viele Veranstaltungen auch von anderen Vereinen abgehalten. Die  Döser Speeldeel erfreute die Cuxhavener auf der Bühne des Vereinshauses mit ihren plattdeutschen Aufführungen.
Dass gerade dieses Haus von der ersten Luftmine, die im zweiten Weltkrieg  über Cuxhaven abgeworfen wurde, getroffen und völlig zerstört wurde, war ein großer Verlust. Damit gingen auch die Unterlagen der Guttempler verloren.
Nach dem Kriege wurde ein neuer Anfang gemacht. Die Guttempler und Freunde sammelten sich wieder, hielten Zusammenkünfte ab, obgleich in den ersten Jahren nach dem Kriege alles sehr schwierig war. Im August 1947 sollte eine Tagung in Stade stattfinden. Eine Gruppe aus Cuxhaven wollte  teilnehmen, aber wie hinkommen? Ein Omnibus war nicht zu bekommen. So  war es schon ein Glück, einen Lastwagen mieten zu können. Die Tagung  verlief planmäßig und harmonisch, doch die Rückfahrt endete mit einer  Katastrophe. Damals gab es noch keine Umgehungsstraße in Neuhaus. Der  Verkehr ging durch den eng gebauten Ort. An der engsten Stelle prallte  der Lastwagen gegen ein Haus und Achmet Steinmetz wurde schwer verletzt. Seine Frau Martha hatte eine schwere Gehirnerschütterung. Achmet  Steinmetz starb am folgenden Tag, dem 18.08.1947 im Alter von 69 Jahren. Er wurde in dem alten Steinmetzschen Familiengrab in Altenbruch beerdigt.
Achmet Steinmetz verbrachte den größten Teil seines Lebens in Cuxhaven. Seine  Spuren zeigen sich dem aufmerksamen Betrachter in seinen Bauten.

© Michael Schubert 2013